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Naturschutz & Beweidung: ein Dream-Team?

Bei der Fachtagung Naturschutzbeweidung wurden Aspekte aus Naturschutz, Tierschutz, Wirtschaftlichkeit und Beweidungspraxis aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und gemeinsam Impulse für die Weiterentwicklung der Naturschutzbeweidung in Niederösterreich erarbeitet.

Gruppenbild der Fachtagung Naturschutzbeweidung


Die Energie- und Umweltagentur des Landes NÖ (eNu) und die Naturschutzabteilung des Landes NÖ luden in Kooperation mit der Landwirtschaftskammer Niederösterreich am 12. März 2026 in die Landwirtschaftskammer NÖ in St. Pölten zur Fachtagung Naturschutzbeweidung ein. Diese stieß mit über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf reges Interesse und verlief äußerst erfolgreich.

Auf dem Programm standen, nach einem Streifzug durch niederösterreichische Projektbeispiele in bewegten Bildern und als Vortrag, drei Themenschwerpunkte: Auf eine kritische Betrachtung aus Sicht der Wissenschaft folgten Aspekte des Tierschutzes und des Tierwohles, bevor im letzten Themenblock die Ausführenden selbst zu Wort kamen: Beweidungspartnerbetriebe teilten in einer Diskussion ihre Erfahrungen und Probleme mit dem Publikum.

15 Jahre – 80 Schutzgebiete

In den vergangenen 15 Jahren wurde im Schutzgebietsmanagement in NÖ ein Fokus auf unterschiedliche Formen von Landschaftspflege gelegt. Einen Schwerpunkt stellte dabei die Forcierung einer extensiven Beweidung als Maßnahme zur Sicherung von wertvollen Offenlebensräumen wie Trockenrasen und Feuchtwiesen dar.

Dies gelang nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit der Naturschutzabteilung des Landes NÖ mit unterschiedlichen Beweidungspartnerinnen und -partnern. Mittlerweile werden in rund 80 Schutzgebieten Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde und Esel als „Landschaftspfleger“ eingesetzt. Die Betriebe, die an der Naturschutzbeweidung beteiligt sind, sind sehr unterschiedlich: Sie reichen von Ehrenamtlichen bis zu großen landwirtschaftlichen Betrieben.

Diese verfolgen unterschiedliche Formen der Beweidung, von mobilen Wanderherden bis hin zur fixgekoppelten Beweidung – also Herden, die dauerhaft auf derselben Fläche weiden. Darüber hinaus wurden Vereine wie „Wilde Weiden“ oder „Hirtenkultur“ zum Zweck der Naturschutzbeweidung neu gegründet. Jede Form der Beweidung sieht sich bestimmten Herausforderungen und Rahmenbedingungen gegenüber, die auf der Tagung beleuchtet wurden.

Schafe auf einer Weide in der Wachau
Naturschutzfachliche Beweidung findet derzeit in 80 Schutzgebieten statt, wie hier in der Wachau.

Begleitende Forschung für den Erfolg der Beweidung

Kritisch wird es, wenn Weidetiere zu den falschen Zeitpunkten, in falscher Besatzstärke oder in nicht dafür geeignete Lebensräume aufgetrieben werden, da dadurch ein Verlust der Arten- und Lebensraumvielfalt begünstigt werden kann. In Naturschutzprojekten werden daher begleitende Maßnahmen gesetzt, um Erfahrungen zu diesen Themen zu sammeln und die Beweidung zu optimieren.

Im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel wird bereits seit mehr als 30 Jahren Beweidung in unterschiedlichen Formen betrieben. Ziel ist die Wiederherstellung der ursprünglichen Puszta-Landschaft. Diese Projekte wurden von Anfang an wissenschaftlich begleitet, um ihren Erfolg zu überprüfen. Dabei stellte sich heraus, dass gefährdete und schützenswerte Salzlebensräume bewahrt werden konnten.

Beweidung auf FFH-Mähwiesen

Extensive Beweidung ist jedoch nicht immer das beste Mittel zur Bewahrung der natürlichen Vielfalt. Insbesondere nach der Fauna-Flora Habitat-Richtlinie ausgewiesene Mähwiesen sind – Nomen es Omen – durch Mahd entstanden und können in erster Linie durch Mahd erhalten werden. Im Fach-Beitrag der Universität Freiburg wurde aufgezeigt, wie entsprechende Flächen durch extensive, die Mahd nachahmende Beweidung dennoch erhalten werden können und worauf dabei zu achten ist.

Beweidung für das Wohlergehen der Tiere

Das Tierschutzgesetz und andere rechtliche Grundlagenwerke, wie die Tierhalteverordnung, zielen auf eine artgerechte, dem Tier entsprechende Haltung von Haus- und Nutztieren ab. Dies bedeutet insbesondere in Sondersituationen, wie es Naturschutzbeweidungsflächen oft sind, eine Herausforderung für den Bewirtschafter oder die Bewirtschafterin. Umgekehrt kann es Tierhalterinnen und Tierhaltern Schutz vor haltlosen Anfeindungen bieten. Hier wurden in der Veranstaltung sowohl Überarbeitungsbedarf an den Texten als auch der steigende Bedarf an Bewusstseinsbildung geortet, da in der Gesellschaft das Wissen zu den Bedürfnissen und zur Betreuung von Nutztieren zu verschwinden droht.

Anknüpfend daran wurde in einem Beitrag der Landwirtschaftskammer auf die richtige Zäunung und das richtige Auftreiben der Tiere eingegangen. Beides ist maßgeblich für den Erfolg von Beweidungsprojekten. Dies zeigten eindrucksvoll Bilder und Videos der Weide aus Sicht der Tiere.

Beweidung quer durch die Europaschutzgebiete

Eine hochkarätige Runde von erfahrenen Beweiderinnen und Beweidern lieferte schließlich wertvolle Praxisberichte zu den unterschiedlichen Beweidungsformen. Beispielweise kann der invasive Staudenknöterich durch eine Rinderbeweidung deutlich in Zaum gehalten werden. Entlegene, oft schwer zugängliche, steile Trockenrasen- und Halbtrockenrasenflächen mit bedeutenden Pflanzenraritäten wie Orchideenvorkommen offen zu halten und die dortige Artenvielfalt zu bewahren, gelingt durch Schafbeweidung. Dies zeigt das Bespiel einer langjährigen erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen einem Beweider und der Schutzgebietsbetreuung der Wachau.

Japanischen Staudenknöterich auf einer Weide.
Mit Beweidung können auch Neophyten in Schach gehalten werden, wie hier den Japanischen Staudenknöterich (rechts).

Kosten mit Innovationsgeist kompensieren

Alle waren sich einig: Sämtliche Formen der naturschutzkonformen Beweidung sind mit hohem Arbeitseinsatz verbunden, der durch bestehende Fördermodelle nicht abgedeckt werden kann. Innovationsgeist und großes Engagement zeichnet die Beweiderinnen und Beweider aus, die insbesondere auch die Inwertsetzung der Weidetiere vorantreiben, um entstehende Kosten abzufedern. Um die Beweidung als wertvolle Form der Landschaftspflege abzusichern, ist daher Bewusstseinsbildung für die entsprechende Abgeltung des hohen Betreuungsaufwands voranzutreiben.

Alle Stakeholder sind wichtig – gemeinsam für Naturschutzbeweidung

Beweiderinnen und Beweider sowie die Vertreterinnen und Vertreter aus Naturschutz und Landwirtschaft waren sich darin einig, dass ein naturschutzfachliches Beweidungsprojekt nur dann erfolgreich sein kann, wenn gleich zu Beginn sämtliche Partnerinnen und Partner, wie Gemeinden, Behörden, Grundbesitzende und -bewirtschaftende, Bevölkerung, Forstwirtschaft, Jagd etc. miteinbezogen werden. Nur so schafft man es, dass alle an einem Strang ziehen und Projekte breite Zustimmung erfahren. Insofern bot die Veranstaltung durch ihr diverses Publikum und die unterschiedlichen Beiträge eine so wichtige, breite Vernetzungsplattform.

Podiumsdiskussion

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